Samstag , der 12. Juni 2021 , 13:30 Uhr
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Liebe Leser,


nachdem im letzten Jahr sattsam über Infektionswege und andere Details der Corona-Pandemie geschrieben wurde und sich nun jeder Interessierte eine Meinung bilden konnte, habe ich meinen Artikel vom letzten Jahr aus dem Netz genommen.
Ich möchte aber noch punktuelle Hinweise geben, und zwar zur Astra-Zeneca-Diskussion und zur Wertigkeit der Schnelltests.
Der Stand des Dokuments ist der 15.04.2021.

Astra-Zeneca:
Ich bin selbst mit dem Impfstoff von Astra-Zeneca geimpft worden. Die Nebenwirkungsquote nimmt mit dem Alter ab. Ich hatte am Folgetag einen niedrigeren Blutdruck als sonst, darüber hinaus aber keine Probleme. Meine Mitarbeiterin Frau de Moura hatte nach dem Astra-Impfstoff nachts Kopfschmerzen und war am Tag nach der Impfung nicht ganz so fit wie sonst. Das mag nicht ganz repräsentativ sein, da sie seit meiner Praxisübernahme 1997 noch keinen Tag gefehlt hat; aber es ist sicher nicht so, als fiele nach der Astra-Impfung zwangsläufig der Beelzebub über einen her.
Zufällig erschien am Tag meiner Erstimpfung eine Vorabnachricht über eine Untersuchung aus Schottland. Dort waren mehr als eine Million der gut 5 Millionen Schotten geimpft worden, und für den Astra-Zeneca-Impfstoff wurde bereits nach der ersten Impfdosis eine Schutzwirkung von über 90% vor schwerwiegenden Krankheitsverläufen festgestellt.
Das sind gute Daten.
Später machte eine überzufällige Häufung von Sinusvenenthrombosen Schlagzeilen. Die absolute Anzahl war zwar im Verhältnis zu den verimpften Dosen gering, aber das ändert nichts daran, dass die Vorkommnisse geklärt und zukünftig vermieden werden müssen. Auf der anderen Seite haben Ungeimpfte ein höheres Sterberisiko als Geimpfte. Deshalb kann es passieren, dass der Verzicht auf eine Impfung mehr Todesfälle verursacht als die Impfkomplikation ("Sterben an der eigenen Angst"). Folglich wird man in der Risiko-Kohorte der jüngeren Frauen eine sorgfältige Einzelfall-Risikonanalyse vornehmen wollen.
Dies gilt umso mehr, als dass es sich möglicherweise nicht um ein Astra-Zeneca-spezifisches Problem handelt. Die mRNA-Impfstoffe haben ja das grundlegend gleiche Prinzip, nämlich die Information für die Produktion des Corona-Spike in die Zelle zu bringen und die Produktion der Spike-Struktur zu veranlassen. Der Unterschied liegt im Wesentlichen im Transportmechanismus (Astra: Unschädliches Affenschnupfenvirus; Moderna und Biontech: Lipidnanopartikel, also winzigste Fetttröpfchen) und im Informationsmedium (Astra: DNA, mRNA-Impfstoffe: RNA).
Ich halte es für wahrscheinlich, dass die Immunreaktion auf das Spike für die Thrombosen verantwortlich ist. Falls das stimmt, könnten die mRNA-Impfstoffe ebenfalls ein Risiko mit sich bringen.
Diejenigen, die bisher mit den mRNA-Impfstoffen geimpft wurden, gehörten typischerweise nicht zur Risikokohorte für die Sinusthrombose. Deshalb kann es sein, dass der gefährdete Personenkreis deshalb keine Schäden durch mRNA-Impfungen davongetragen hat, weil er bisher noch keinen Zugang dazu hatte. Folglich würde ich die individuelle Risikoabschätzung nicht nur auf den Astra-Zeneca-Impfstoff beschränken, und zwar so lange, bis die Mechanismen geklärt und mögliche Schutzmaßnahmen ermittelt sind.


Schnelltests:
Die Aussagekraft eines Tests ist mit statistischen Überlegungen zu beurteilen. Die Beschäftigung mit dem Thema ist nicht gerade ein Motivationsschlager, aber es hilft nichts: Wer sich ein Urteil bilden will, kommt nicht daran vorbei.
Die Kriterien sind die Sensitivität, die Spezifität und die Ausgangswahrscheinlichkeit.
Die Ausgangswahrscheinlichkeit für ein Ansteckungsrisiko steigt mit dem Anteil noch nicht genesener Infizierter in der Bevölkerung. Wenn man beispielsweise eine Inzidenz von 100 Infektionen pro 100.000 Einwohnern und Woche zugrundelegt und von einer 2wöchigen Krankheitsdauer ausgeht, nach der keine Infektiosität mehr vorliegt. dann kämen etwa 200 pro 100.000 Personen als Quelle einer Ansteckung in Betracht.
Die Sensitivität ist ein Maß dafür, wie viele Erkrankte richtig erkannt werden. Leger formuliert: Je höher die Sensitivität, desto weniger Infektiöse gehen "durch die Lappen".
Die Spezifität sagt aus, wie viele mit negativem Ergebnis tatsächlich nicht infiziert sind. Lässig: Je höher die Spezifität, desto weniger "blinden Alarm" verursacht der Test.
Der Anlass für diesen Schrieb ist, dass mir kürzlich eine Cochrane-Analyse in die Hand gefallen ist, deren Thema die Aussagewahrscheinlichkeiten von Corona-Schnelltests waren.
Das Aggregieren von Studien ist statistisch nicht unproblematisch, aber die Cochrane-Collaboration genießt den Ruf einer seriösen Informationsquelle.
Wenn man das Papier grob zusammengefasst, hat ein ordentlicher Schnelltest eine Sensitivität von etwas über 50% bei Personen ohne Symptome und etwa zwei Drittel bei Personen mit Symptomen. Das ist weniger als erhofft und auf der Seite des Bundesinstituts für Arzneimittel und Medizinprodukte beschrieben. Bei der Spezifität sieht es besser aus.
Die folgenden Überlegungen sind grobe Überschlagsbetrachtungen, bei denen nicht einmal berücksichtigt ist, dass eine Person mit typischen Symptomen mit höherer Wahrscheinlichkeit infektiös ist als eine ohne. Ich möchte einen Eindruck vermitteln, was man von einem Schnelltest erwarten kann und was nicht.
Lassen Sie uns eine unterstellte Inzidenzrate von 100 pro 100.000 Einwohner und Woche betrachten:
Wenn Sie meinetwegen beschwerdefreie Schüler in der Schule testen, erwarten Sie nach der Überlegung oben Infektiosität bei etwa 200 von 100.000 Probanden.
Wenn Sie jetzt eine Sensitivität von ca. 50% annehmen, finden Sie 100 Infektiöse, und 100 erkennen Sie nicht.
Von den 100.000 Testpersonen sind 99.800 nicht infektiös. Bei einer Spezifität von 99% finden Sie 1% falsch-positiv, das wären 1.000 Personen.
Zusammen mit den 100 richtig positiven Testergebnissen haben Sie 1100 positive Tests. Der positiv prädiktive Wert, die Wahrscheinlichkeit also, dass ein positiver Test tatsächlich Infektiosität anzeigt, ist dann 100 : 1100 = 0,09, also 9%.
Ich möchte hier keinesfalls vermitteln, die Schnelltests seien wertlos.
Die Aussagekraft ist aber in starkem Maß vom Kontext abhängig.
Man sollte nicht von ihnen erwarten, was sie nicht leisten können. Sie können potentiell ansteckungsfähige Personen herausfiltern, verursachen dabei aber viele blinde Alarme. Ein negativer Schnelltest bedeutet keinen Infektionsausschluss.
Im Grund ähnelt die Situation der Suche nach Darmkrebs mittels Bluttest im Stuhl. Dort heißt ein negativer Test auch nicht, dass der Proband keinen Krebs haben kann. Ein positiver Test hat in der Mehrzahl der Fälle keinen Darmkrebs, sondern banalere Blutungsquellen zur Ursache.

Bekanntlich sind positive Schnelltests meldepflichtig, genau wie das Ergebnis des obligat folgenden PCR-Tests. Wenn man nicht mit Zetteln arbeitet, sollte die Aufgabe, positive Schnelltests und die Anzahl positiver und negativer Bestätigungstests zu addieren, lösbar sein. Nach meiner Kenntnis ist die Prozentrechnung Stoff der sechsten Jahrgangsstufe, die Datenauswertung mithin kognitiv niederschwellig zugänglich. Folglich sollte man von breiter Datenbasis untermauerte Informationen zur Wertigkeit eines positiven Schnelltests an prominenter Stelle auf den Seiten des Robert-Koch-Instituts erwarten; in der Argumentationslinie des Arbeitsministers Herrn Heil hätte sich diese Information ebenfalls nicht schlecht gemacht, denn die Tests kosten Zeit und Geld, und die Banknoten wachsen nun einmal nicht am Strauch, wie jeder weiß, der dem Ersten Arbeitsmarkt schon einmal zur Verfügung stand.
Die Information finde ich beim RKI aber nicht. Das verdrießt mich.
Ersatzweise greife ich deshalb auf eine wesentlich schmalere Datenbasis zurück:
Im Ärzteblatt 14/2021 wird über die "SAFE School Hessen-Studie" berichtet. 711 LuL ("Lehrerinnen und Lehrer" - vielleicht besser als mit Genderdoppelpunkt, aber schon auch gewöhnungsbedürftig, LOL) führten Antigenschnelltests durch, von denen 11385 ausgewertet werden konnten. 21 waren positiv, 5 davon wurden bestätigt. Bei einer 7-Tages-Inzidenz unter 100 gab es keine positive Bestätigung. Bei asymptomatischen Personen wurden keine infektiösen Virusträger gefunden.
Auch das heißt nicht, dass Schnelltests sinnlos wären. Je höher die Inzidenz, desto eher kann man damit infektiöse Personen identifizieren. Wenn das aber als heilbringende Maßnahme verstanden wird, muss das Nachrechnen empfohlen werden. Prozentrechnung ist Jahrgangsstufe sechs - das müsste eigentlich gehen.
Mein Tip bleibt: Impfen. Luftkonvektion sicherstellen, und wo sie indiziert sind: FFP2-Masken, und zwar vor den Atemöffnungen und nicht darunter.

Dieser Text ist urheberrechtlich geschützt. Jegliche – auch auszugsweise – Verwendung bedarf meiner ausdrücklichen schriftlichen Erlaubnis.


Kürnach, 15.04.2021

Joachim Stähler